Stoffwechsel reloaded oder Diät 2.0

Was wir heute unter Diät verstehen.

Interview mit Hermine Gerhold, Heilpraktikerin und Diätberaterin

Diät. Keiner mag sie so richtig und doch ist sie in aller Munde. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Diät verbindet fast jeder mit Verzicht, mit Verlust, mit Leiden und mit Müssen. Im Endeffekt mit einem gewissen Stress. Und wer will schon freiwillig Stress.


Doch ist die Diät wirklich so schlimm wie ihr Ruf und was wissen wir über Diäten heute? 


Fast jeder hat sich schon einmal in seinem Leben mit dem Gedanken befasst, abzunehmen. Richtig abzunehmen. Und den eigenen Stoffwechsel wieder in Schwung zu bringen.


Die Zahl einschlägiger Diät-Angebote ist unüberschaubar geworden, steigt von Tag zu Tag. Und, wie viele andere Lebensbereiche z.B. Mode und Musik so sind auch Diäten bestimmten Modetrends unterworfen. So war es in den 70er Jahren absolut trendy auf Kohlenhydrate zu verzichten. In den 80er Jahren schworen Abnehm-Willige auf die Glyx-Diät, später kam die Keto Diät und so weiter und so fort. Wer blickt da noch durch?


Laut einer Verbrauchs- und Medienanalyse* (Quelle Statista) haben im Jahr 2019 rund 6 Millionen Personen in Deutschland ihren Wunsch nach Gewichtsabnahme geäußert – auf diese traf die Aussage „Ich wäre wirklich froh, wenn ich etwas abnehmen könnte“ voll und ganz zu.


Fest steht: Abnehmen gelingt nur nachhaltig. Und zwar dann, wenn mehr Kalorien verbraucht 

als zugeführt werden – und es funktioniert nicht über Nacht. 

Redaktion: Liebe Hermine, du bist Heilpraktikerin mit eigener Praxis und hast mehr als 20 Jahre Berufserfahrung mit Ernährung, Stoffwechsel und Abnehmen. Was heißt für dich Diät?


HG: Diät würde ich es gar nicht nennen. Ich würde es Auszeit, Erholung, Regeneration und sogar Wellness für mich und meinen Körper nennen. Für mich bedeutet Diät achtsam mit sich selbst zu sein. Mit mir, mit dem was ich mir im Innen und Außen zuführe und zufüge. Wir kennen es alle zu gut – man sitzt vor dem Fernseher oder in geselliger Runde und auf dem Tisch stehen Dinge wie Chips, Salzletten und Schokolade. Da greift man doch automatisch zu, ohne weiter nachzudenken. Oder - Biergartenzeit. Logischerweise bestellt man im Biergarten würzigen Käse oder deftige Sparerips. Fettige Speisen wie Wurst, Pommes und Co. Wer knabbert da schon gerne an einem Salatblatt?


Im Endeffekt geht es darum, mir dessen bewusst zu sein, was ich esse. Täglich. Wir essen gerade jetzt in der Sommerzeit zuhause beispielsweise viel „grün“, weil es unkompliziert ist und schnell geht. Einen Salat, etwas Käse wie z.B. Feta, Ziegenkäse oder Mozzarella dazu, Wallnüsse, Kürbiskerne drüber und ganz wichtig immer ein gutes Öl obendrauf. Auch die Auswahl an Obst ist in den Sommermonaten sehr groß und macht es uns leichter die Ernährung umzustellen. 


Eine Diät sollte nicht negativ behaftet sein sondern Freude machen. Es ist für mich wie Pflege nach innen und ich freue mich über gesunde Lebensmittel, weil ich weiß, mein Körper dankt es mir. Und wenn wir achtsam mit unserem Körper umgehen stellen wir ziemlich schnell fest, dass wir uns mit der Ernährungsumstellung viel wohler, fitter und beweglicher fühlen. Im Außen achten wir doch auch auf eine schöne Haut, gute Cremes, einen ordentlichen Haarschnitt und gepflegte Kleidung. Wieso also nicht auch nach innen auf unsere Organe und Gefäße achten.

Redaktion: Heute neigt man dazu, mal hier und da was zu Naschen, dort was zu Kaufen und da was zu Knabbern. An jeder erdenklichen Stelle steht Essbares. Die Verlockungen sind groß. Kannst du uns einen Tipp geben, wie oft man am Tag essen sollte?


HG: Ich empfehle meinen Patienten 5 Mahlzeiten am Tag. Ich esse für mein Leben gern und Abnehmen durch Hungern würde bei mir nie funktionieren. Frühstück ist für mich die wichtigste Mahlzeit am Tag. 


Nach der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) haben die Verdauungsorgane Dickdarm und Magen am Morgen ihre höchste Aktivität und sollten daher mit einem guten Frühstück zur Verdauung angeregt werden. Es gibt bei mir kein „Ich habe keine Zeit zum Frühstücken“. Denn man hat doch genauso Zeit zum Duschen, Zähneputzen und Ankleiden, oder etwa nicht? So bitte auch zum Frühstücken.Man kann sagen „Ich freue mich auf die erste Mahlzeit am Tag“ und damit auf das Frühstück. Eine Scheibe gutes, gesundes Vollkornbrot mit Käse oder Wurst eine frische Gurke, Tomate und oder Paprika dazu und ich rege damit meine Verdauungsorgane an und gebe ihnen die Aufgabe zu verdauen. Lasse ich das Frühstück ausfallen kommen Magen und Darm nicht wirklich in Schwung. 


Süß frühstücke ich im Übrigen nie, weder Marmelade noch andere süße Speisen. Süße Speisen lassen den Insulinspiegel rasant ansteigen und danach wieder genauso schnell abfallen und ich habe in kürzester Zeit wieder Hunger.Zu den zwei weiteren Hauptmahlzeiten, also Mittag- und Abendessen, achte ich darauf, dass ich viel Gemüse roh oder gekocht zu mir nehme und selbstverständlich Eiweiß in Form von Fleisch, Fisch, Käse, Tofu oder Soja. Eiweiß bringt den Stoffwechsel in Schwung und unterstützt die Fettverbrennung und somit fällt das Abnehmen leichter.


Für Menschen, die gerne Essen, empfehle ich am Vormittag und am Nachmittag noch eine Zwischenmahlzeit mit Obst, Gemüse oder Joghurt.Mit fünf Mahlzeiten am Tag hat man nie Hunger. Fazit: Ich wähle meine Lebensmittel bewusst - wenig Kohlenhydrate, kein Zucker, kein Fett und wenn, dann nur als gesunde Öle.

Redaktion: Wenn du selbst eine Diät startest oder mit deinen Klienten eine solche besprichst stellt sich uns die Frage: Wie lange dauert eine Diät im Idealfall und was an Zeit sollte ich investieren um erfolgreich zu sein?


HG: Je nachdem wieviel ich bzw. der Patient abnehmen möchte. Unter 3 Wochen ist für mich eine Diät erfahrungsgemäß nicht von Erfolg gekrönt. Es ist sinnvoll, das Ganze zu planen, genau zu überlegen, wann passt diese Diät in mein Leben, was steht gerade an und wie geht es mir. Wie ist mein Gemüts-, Arbeits- und Gesundheitszustand.


Beginne ich mit einer Diät im Herbst, dann stehen auf meinem Speiseplan andere Lebensmittel als im Frühjahr oder im Hochsommer. Faustformel: eher wärmende Lebensmittel im Herbst/Winter und kühlende Lebensmittel im Sommer. Die Zutaten passen sich dem an, was gut verdaulich sowie Kraft und Energiespendend. Zudem, wenn es geht - bitte auf regionale Kost setzen.Letztlich beginnt jede Diät im Kopf und bedarf einer Lebensstiländerung – und ein solcher Prozess ist nicht in 14 Tagen abgeschlossen.

Redaktion: Der Begriff Boomerang-Effekt ist bestimmt bekannt - insbesondere im
Zusammenhang mit dem Abnehmen. Was heißt das konkret, wenn ich richtig abnehmen möchte. Geht das ohne dem viel-zitierten Auf- und Ab?


HG: Wenn man extreme Diäten macht, kommt dieser Effekt häufig vor. Wichtig ist bei einer Diät nicht zu hungern. Durch zu wenig oder einseitige Ernährung kommt der Körper in einen Mangelzustand. Es entsteht Heißhunger und einige Zeit später der Boomerang auch Jo-Jo-Effekt genannt. Wichtig ist trotz Diät eine gesunde Ernährung.

 

Alle mit Skepsis betrachteten Abnehm-Programme haben eines gemeinsam: sie arbeiten mit Ge- und Verboten. Moderne Programme gehen daher in Richtung abnehmen ohne zu hungern und hin zu einer bewussten Ernährung, bei der alle wesentlichen Inhaltsstoffe ausgewogen zugeführt werden. Die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes "Diät" ("diaita") bezeichnete nämlich eine gesunde "Lebensweise".

Redaktion: Vielen Dank für die Zeit und das sehr interessante Gespräch.