Natur versus Synthetik.

Was wir heute über Nahrungsergänzung wissen.

Vitamine sind ein großes Thema. Da scheint der Griff zu Nahrungsergänzungsmitteln die augenscheinlich einfachste Lösung zu sein. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen natürlichen Vitaminen aus Obst und Gemüse und den synthetischen Kopien, die in Nahrungsergänzungsmitteln stecken. In diesem Artikel erfahren Sie daher einiges, was man über die Unterschiede wissen sollte.


Natürliche Vitamine unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur von den synthetisch hergestellten Kopien. Einzelne Elemente des Vitamins werden bei der synthetischen Herstellung in einer anderen Reihenfolge miteinander verknüpft oder weisen eine andere räumliche Ausrichtung auf.


Unser Organismus ist auf natürliche Vitamine eingestellt und kann diese perfekt aufnehmen. Synthetische Vitamine hingegen sind eine nicht ganz identische Kopie von den natürlichen und können daher von unserem Körper nicht auf die gleiche Weise aufgenommen werden.


Das bedeutet: Unser Körper kann natürliche von künstlichen Vitaminen unterscheiden.


Ein weiterer Unterschied liegt im Aufbau von synthetischen Vitaminen. In aller Kürze: Ein natürliches Vitamin ist ein Komplex, das aus wichtigen Teilen besteht, die nur in der Gesamtheit die gewünschte Wirkung erzielen. Wohingegen ein künstlich hergestelltes Vitamin nur einzelne Bestandteile des gesamten Komplexes abbildet.


Kaum etwas im Gesundheitsbereich wird so leidenschaftlich diskutiert wie das Thema “Vitaminmangel“. Insbesondere Bereiche rund um die Pharmaindustrie behaupten gerne, die Versorgungslage mit Vitaminen sei gut und Vitaminmangel ist eine Erfindung der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie. Auch weiter ansteigende Zivilisationskrankheiten wie bspw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose, Arthrose und Diabetes seien angeblich “normal” und nicht durch Vitaminmangel begünstigt.


Wir von der Biotiva-Redaktion trafen uns daher kürzlich in München mit einer erfahrenen Biologin, um etwas näher hinter die Kulissen zu leuchten. Herauszufinden, was die Mythen sind und was die Fakten. Wie steht es denn um die Wirkstoffe, wie steht es um die Nährstoffe? Was ist der Unterschied, den ich als aufgeklärte/r Verbraucher/in wissen sollte?



Dr. Helga Rolletschek

Sie studierte Lehramt für Grundschule, promovierte in Biologie und leitete die Didaktik der Biologie an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Außerdem war sie Schriftleiterin der Kinderumweltzeitschrift „Ich TU Was“ und brachte die Stadt Eichstätt zum Summen, indem sie den dortigen Bienen-Schöpfungspfad konzipierte.

Auf www.bio-fuer-alle.com schreibt sie über ihre Faszination für Biologie.


Redaktion: Liebe Frau Dr. Rolletschek, Sie sind promovierte Biologin, Dozentin, Seminarleiterin und Buch-Autorin. Gibt es aus Ihrer Sicht denn Beweise dafür, dass der Nährstoff- bzw. Wirkstoffgehalt einer Pflanze höher ist als bei synthetisch erzeugten Wirkstoffen?


Dr. H. Rolletschek: Ja, in der Tat, es gibt einen großen Unterschied. Pflanzen haben neben den lebensnotwendigen Makro- und Mikronährstoffen wie Kohlenhydrate, Proteine, Fette, Mineralstoffe und Vitamine auch sogenannte „anutritive Inhaltsstoffe“, die auch „bioaktive Substanzen“ genannt werden. Neben Ballaststoffen gehören hier vor allem die sog. sekundären Pflanzenstoffe dazu. Man kennt ungefähr 100.000 dieser Stoffe. Darunter zählt man beispielsweise Carotinoide oder Flavonoide, die Farbstoffe, welche die Karotte orange oder das Weinlaub rot färben. „Sekundär“ klingt zwar so, als ob die gar nicht so bedeutsam wären, der Begriff hängt aber mit dem Entstehungsweg im Stoffwechsel der Pflanze zusammen. Diese Stoffe werden gebildet, um die Pflanze und vor allem die Früchte zu schützen: Vor Viren, Bakterien, Fraßfeinden, Sonneneinstrahlung. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, warum Tomaten keinen Sonnenbrand bekommen? Ihr natürlicher Sonnenschutzfaktor ist genau so ein sekundärer Pflanzenstoff, der in diesem Fall die Oxidation verhindert und deshalb auch ein Antioxidans darstellt. Die Pflanze besitzt also Stoffe, die freie Radikale einfangen kann. Und von so einem sekundären Pflanzenstoff, dem Beta-Carotin, soll laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung die Zufuhr bei uns Menschen in Deutschland nicht optimal sein. Also warum dann nicht einfach Beta-Carotin als Pille zu sich nehmen? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich das Ganze bildlich vorstellen. Fakt ist, es kommt immer auf das Orchester an, nicht auf den einzelnen Musiker allein. Was will ich damit sagen? Nun, die Wirkstoffe wirken nur im Team, im Verbund. Und genau deshalb sollten wir auch die Früchte oder die Pflanzen selber im Ganzen nehmen und nicht isoliert einen Stoff daraus, der meist synthetisch hergestellt wurde. Hinzu kommt, dass die Dosis an Mikronährstoffen, also Vitaminen und Mineralstoffen, in Tablettenform häufig viel zu hoch ist und dann eher schaden als nutzen kann.


Redaktion: Ok, verstanden. Dann also Vitamin C nicht in Tablettenform, sondern aus der Frucht. Camu Camu soll ja einen irre hohen Vitamin C Gehalt haben. Auf was sollte man dabei achten?


Dr. H. Rolletschek: Ja, das Camu Camu fasziniert mich in seiner Wirkung schon lange. Wenn man sich vorstellt, dass eine so kleine Beere so viel Vitamin C hat wie drei Acerolas, 20 Orangen oder 30 Zitronen – unvorstellbar! Natürlich braucht man so viel Vitamin C gar nicht. Aber Camu Camu ist im Amazonasgebiet auch als Heilpflanze bekannt. Sie soll mit ihren Antioxidantien immunstärkende und entzündungshemmende Wirkung haben. Großer Nachteil: Oft wird Camu Camu wildwachsend aus dem Regenwald geerntet -mit verheerenden Folgen für das dortige Ökosystem. Das Gute bei Biotiva ist (und das sage ich gerne und möchte betonen, dass ich keinerlei Honorar dafür bekomme), dass es von gezüchteten Pflanzensträuchern aus kontrolliert biologischen Anbau kommt und zwar von Bio-Farmern aus Peru / Amazonasgebiet, wo die Pflanze auch heimisch ist. Somit greift man nicht in das empfindliche Ökosystem ein und hat zudem noch eine höhere Qualität. Schlussendlich geht es ums Ganze. Es geht um Schutz und Erhalt – um den Einklang von Mensch und Natur.


Redaktion: Wir sprechen direkt aus, was viele denken. Und haken konkret bei Ihnen nach, liebe Frau Dr. Rolletschek. Sind künstlich hergestellte Vitamine gar schädlich?


Dr. H. Rolletschek: Synthetisch hergestellte Vitamine können tatsächlich schädlich für den menschlichen Organismus sein. Bei einer Überdosierung von Vitaminpräparaten kann es bei einigen Vitaminen zu einer Hypervitaminose kommen. Das heißt, es kann zu toxischen Nebenwirkungen kommen, die je nach Vitamin unterschiedlich sind. Langzeitstudien weisen zudem darauf hin, dass Vitamintabletten das Risiko steigern könnten, an Krebs zu erkranken, obwohl man sie ja fleißig als Krebsprophylaxe zu sich nimmt.


In einigen Nahrungsergänzungsmitteln sind zudem Zusatzstoffe beigemischt. Das können Trennmittel, Farbstoffe, Süßstoffe sein. Diese Stoffe stehen in der Diskussion, dem Körper zu schädigen. Daher sollte genau auf die Zutatenliste geachtet werden, um eine mögliche Schädigung des Körpers zu vermeiden.


Redaktion: Welche Bedeutung hat der Bio-Anbau für die Biodiversität? Dies ist ja eines der 8 Ziele des Green Deals. Sie als Biologin sind mit dem Thema bestimmt vertraut, oder?


Dr. H. Rolletschek: Ja, die Biodiversitätsstrategie des Green Deal ist total wichtig, aber leider nicht für alle schon vom Begriff her verständlich. Daher nur kurz zum besseren Verständnis: Die Biodiversität umfasst drei große Bereiche: die Vielfalt der Ökosysteme, die Vielfalt der Arten und die genetische Vielfalt innerhalb der Arten. Der Green Deal wiederum ist ein von der Europäischen Kommission aufgestelltes Projekt. Ziele sind bis 2050 die Netto- Treibhausgasemissionen der EU auf null zurückzuführen, eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren und wichtige Biodiversitätsziele zu erreichen.


Mir als Biologin liegt das selbstverständlich sehr am Herzen. Die Artenvielfalt zu erhalten ist eine große Herausforderung an uns alle. Schauen Sie, in der konventionellen Landwirtschaft werden Pestizide genutzt, die sind zum einen schädlich für uns alle, zum anderen töten sie die Nahrungsgrundlage vieler anderer Tiere, wie beispielsweise Vögel – ein Eingriff mit weitreichenden Folgen für den ökologischen Kreislauf.


Wir haben ein unfassbar großes Insekten- und Vogelsterben. Selbst in den Gärten ist heute alles gespritzt. Es schaut aus wie geleckt, alles ist schön und modern – aber nicht natürlich gewachsen. Grüne Wiesen, wenig Blumen, das sind keine Lebensräume mehr. Die Natur wird beschnitten. Das ist ungut. Und das rächt sich. Daher müssen wir etwas tun.


Eine Chance ist der Biolandbau, d.h. auf Pestizide verzichten und die biologische Schädlingsbekämpfung nutzen. Wussten Sie, dass es Marienkäferlarven oder Florfliegenlarven gibt, die die Schädlinge natürlich bekämpfen? Jeder ist hier angehalten, auch im Kleinen, umzudenken. Bio-Gärten und Blumen-Wiesen anzulegen. Bringen wir unsere Umgebung zum Blühen, statt sie mit Zierkies praktisch und tot zu machen. Wieder mehr Bio denken, leben und fühlen.


Redaktion: Gibt es eine Kern-Aussage, die man herausheben kann, bei all den Veränderungen. Zum Beispiel „Bio ist besser für den Menschen und die Gesundheit?“


Dr. H. Rolletschek: Ich bin mit Kern-Aussagen immer vorsichtig, da man nichts generalisieren darf und alles im Detail angeschaut werden sollte. Und Bio ist nicht notwendigerweise auch immer gut für die Gesundheit, denn auch pflanzliche Inhaltsstoffe können in zu großen Mengen zu sich genommen schädlich für den Menschen sein. Aber unter dem Strich ist es aufgrund des Fehlens der vielen Zusatzstoffe auf jeden Fall besser für den Menschen und vor allem besser für die Natur als die Produkte des konventionellen Anbaus. Eindeutiger ist die Kernaussage „Natur statt Synthetik“. Denn wie eingehend im Interview schon gesagt, die Gesamtkomposition ist wertvoller als die Einzelteile. Heißt für mich: Das Orchester spielt die Musik, nicht der einzelne Musiker. Die Wirkstoffe wirken nur im Verbund richtig und vollständig. Damit wir aber in der Gesamtheit nicht gefährliche Zusatzstoffe zu uns nehmen, ist es unabdingbar, auf Bioqualität zurückzugreifen.


Es ist höchste Zeit, dass da bei allen ein Umdenken stattfindet.


Redaktion: Danke für das sehr interessante Gespräch und Ihnen alles Gute!